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Überzeugungen - aber kein Wissen

Fleischverzicht vermindert Darmkrebsrisiko? - Bestandsaufnahme der Forschung - von Dr. Nicolai Worm

München - In jüngster Zeit sind immer wieder Berichte über einen Zusammenhang von Fleischkonsum und einem erhöhten Krebsrisiko veröffentlicht worden. Wie es zu dieser Einschätzung kommen konnte, wird in unserem Beitrag von Dr. Nicolai Worm, Ernährungswissenschaftler, Mitglied des fachübergreifenden Humanwissenschaftlichen Zentrums (HWZ) der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dargestellt. Die Bewertung der zu Grunde liegenden Studien zeigt, dass Fleisch vorschnell in die Kritik geraten ist. Erhöhter Verzehr von Fleisch, insbesondere von „rotem” Fleisch (Rind, Schwein, Lamm) wird von verschiedener Seite als Risikofaktor für Dickdarmkrebs bzw. kolorektales Karzinom (KRK) bezeichnet. So hat der Report des World Cancer Research Fund (WCRF) den Konsum von rotem Fleisch als ein „wahrscheinliches” KRK-Risiko eingeschätzt. Der Bericht empfiehlt sogar konkret, dass zur Prävention des KRK „rotes” Fleisch entweder gar nicht verzehrt oder sein Anteil auf 10 Prozent der Gesamtenergiemenge bzw. auf weniger als 80 g pro Tag begrenzt werden solle, denn das KRK- Risiko würde proportional zur Verringerung des Fleischkonsums sinken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hatte sich in ihrem „Ernährungsbericht 2000” dieser Position angeschlossen. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt eine aktuelle Übersichts- arbeit, bei der Elio Riboli, einer der Leiter der EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), einer großen prospektiven Multicenter-Studie in Europa, als Co-Autor fungierte. In der Schlussfolgerung heißt es, die Ergebnisse der epidemiologischen Studien würden die Hypothese stützen, dass „Fleischkonsum mit einem mäßig erhöhten KRK-Risiko assoziiert ist. Doch scheint dieser Zusammenhang mit höherer Konsistenz bei rotem Fleisch und bei verarbeitetem Fleisch bzw. Fleischwaren aufzutreten.” Aufgrund dieser Datenlage, so schließt Prof. Riboli an anderer Stelle, könne man davon ausgehen – obwohl noch „gewisse Unsicherheiten” existierten –, dass ein Minder- verzehr von rotem Fleisch und von Fleischwaren zu einer Senkung der KRK-Rate beitragen würde. Stimmen diese konkreten Aussagen mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Untersuchungen überein und lassen sich aus ihnen überhaupt gesicherte Annahmen hinsichtlich der Prävention von KRK herleiten, fragte sich Dr. Nicolai Worm. Er hinterfragte Aussagen und Empfehlungen der Experten kritisch.

Dabei wird das Thema auf „Fleisch” bzw. „rotes Fleisch” beschränkt, da bei „Fleischwaren” aufgrund der vielen möglilchen, technologisch bedingten Behandlungsverfahren und der zahlreichen Zusatzstoffe eine grundsätzlich andere Fragestellung anzusetzen ist.

Verlässliche Erkenntnisse

Zur Untersuchung des tatsächlichen Zusammenhangs zwischen Ernährung und einem Krankheitsgeschehen verwendet man In-vitro-Versuche, Tierexperimente, epidemiologische Untersuchungen und randomisiert- kontrollierte Interventionsstudien (RCTs). Davon erbringt lediglich letztere verlässliche Erkenntnisse. Doch wurde bislang noch nie eine randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie mit „Fleischverzicht” bzw. einem reduzierten Fleischkonsum zur Krebsentstehung bzw. KRK- Sterblichkeit oder Gesamtsterb- lichkeit durchgeführt. Die vorliegenden Tier- und In-vitro-Versuche können zwar zur Untersuchung der zellbiologischen und histopathologischen Aspekte der Karzinogenese (Krebs erzeugend) von großem Nutzen sein, doch lassen sich daraus keine verlässlichen In- formationen über Ursache und Wirkung beim Menschen gewinnen. Damit bleiben zur Bestätigung der „Fleisch-KRK-These” bislang nur die verschiedenen epidemiologischen Untersuchungsmethoden. Verschiedene Bevölkerungsstudien, bei denen im internationalen Vergleich der Pro-Kopf- Fleischkonsum mit der KRK- Rate in den jeweiligen Ländern in Beziehung gesetzt wurde, ergaben zum Großteil einen direkten statistischen Zusammenhang. In einer kürzlich erschienenen Auswertung der Seven Countries Study konnte dies hingegen nicht bestätigt werden. Darüber hinaus ist die Entwicklung des Fleischkonsums in verschiedenen Ländern zwischen den Jahren 1961 und 1990 untersucht und mit der Entwicklung der KRK-Raten in den entsprechen- den Ländern verglichen worden. Dabei ergibt sich kein überein- stimmender Trend: In manchen Ländern stieg der Fleischkonsum, während die KRK-Rate sank. In anderen Ländern blieb bei steigendem Fleischkonsum die KRK-Rate unverändert oder sie stieg an. Aber es gibt auch umgekehrte Entwicklungen: In Großbritannien und Nordirland ist beispielsweise der Verzehr von rotem Fleisch in den letzten 30 Jahren um 25 Prozent zu- rückgegangen, während gleich- zeitig der Konsum von Hühner- fleisch zugenommen hat. Die KRK-Rate ist dort jedoch gestiegen. Obwohl im europäischen Vergleich nirgendwo so wenig rotes Fleisch gegessen wird wie in Großbritannien und Nordirland, ist dort das Risiko einer kolorektalen Krebserkrankung größer als zum Beispiel in den EU-Mitgliedsländern aus dem Mittelmeerraum, in denen ausnahmslos mehr rotes Fleisch verzehrt wird. Generell gelten Fall-Kontroll- Studien, bei denen die Ernährungsgewohnheiten erst erhoben werden, wenn die Krankheit schon eingetreten ist, mit Recht als sehr anfällig für Fehleinschätzungen und werden deshalb ebenfalls als wenig aussagefähig eingestuft. Sie dienen im Grunde nur der Hypothesenbildung. Bis Ende des Jahres 2000 sind 35 Fall-Kontroll-Studien zur Frage des KRK-Risikos durch Fleischverzehr veröffentlicht worden. Davon zeigten insgesamt 22 Studien keinen Zusammenhang. Nur bei sieben Studien ergab sich einheitlich eine signifikante Verbindung mit KRK. Bei den übrigen sechs Studien ist der Zusammenhang uneinheitlich oder widersprüchlich.

Vegetarierstudien

Eine deutlich höhere Aussagekraft als Fall-Kontroll-Studien besitzen Kohortenstudien. Bei dieser Methode werden Gesunde über viele Jahre beobachtet. Hierbei ist von entscheidendem Vorteil, dass die Angaben der Probanden zu ihrem Ernährungsverhalten in weit geringerem Maße verfälscht sind. Bisher sind 14 solcher prospektiven Untersuchungen zur Frage „Fleischverzehr und KRK” veröffentlicht worden. Nur in dreien konnte ein gestiegenes Risiko durch erhöhten Fleischkonsum
festgestellt werden, wobei in einer Untersuchung das Risiko nicht dosisabhängig anstieg, sondern nur im obersten Quintil der Zufuhr (im Mittel 129 g(Tag) ersichtlich war. Alle drei Studien stammen aus den USA. Aus Europa hingegen ist bislang in keiner Kohortenstudie von einem erhöhten KRK-Risiko durch Fleischkonsum berichtet worden.
Um den präventiven Effekt einer Fleischeinschränkung hinsichtlich des KRK-Risikos abzuschätzen, bietet es sich an, Vegetarier-Studien mit in Betracht zu ziehen. In bislang fünf großen Langzeit-Beobachtungsstudien wurden die KRK-Raten bei Vegetariern mit denen von ,gesundheitsbewussten" Fleischessern verglichen. Die Daten hinsichtlich Alter, Geschlecht und Rauchgewohnheiten wurden hierfür bereinigt. Insgesamt waren 27808 Vegetarier und 48364 Nichtvegetarier im Altersbereich von 16 bis 89 Jahren im Mittel elf Jahre unter Beobachtung. Das Ergebnis: Zwischen den Vegetariern und den Fleischessern fanden sich keine Unterschiede hinsichtlich der KRK-Sterblichkeit oder anderer Krebsrisiken. Das Gleiche gilt für die Gesamtsterblichkeit.
Ob eine Verminderung des Fleischverzehrs einen präventiven Effekt bezüglich KRK hat, lasst sich prinzipiell nur in randomisiert-kontrollierten Interventionsstudien (RCTs) ermitteln. Im Sinne von evidenz-basierter Ernährungsmedizin – diese bezieht sich auf Informationen aus klinischen Studien, die einen Sachverhalt erhärten oder widerlegen – sind nur sie primär als Basis für Ernährungsempfehlungen heranzuziehen. Diese Studien sind bislang zu dieser Frage aber nicht durchgeführt worden.
Die Ergebnisse epidemiologischer Studien verleiten häufig zu Fehlinterpretationen. Um einigermaßen aussagefähige Daten zu bekommen, darf man vorsichtige Schlussfolgerungen überhaupt erst ziehen, wenn die Ergebnisse aller drei epidemiologischen Untersuchungsformen, das heißt der Bevölkerungs-, Fall-Kontroll- und Kohortenstudien, übereinstimmend ausfallen. Zur Frage „Fleischkonsum und KRK” ist die epidemiologische Datenlage aber weitgehend uneinheitlich. Des weiteren ist zu bedenken, dass für die meisten Studien zum Thema keine konkreten, tatsächlich gemessenen Mengen des Fleischkonsums vorliegen, sondern nur grobe Schätzungen. Die Studien, die die tatsächlichen Konsummengen dokumentiert haben, unterscheiden sich weiterhin hinsichtlich der Erhebungsmethoden und sind nur schwer vergleichbar.

Realistischer Verzehr

Die Meta-Analyse der Kohortenstudien nimmt 100-g-Schritte des Fleischverzehrs als Basis der Risiko-Berechnung. Dabei muss bedacht werden, dass beispielsweise in Deutschland, gemäß Nationaler Verzehrsstudie, der mittlere tägliche Fleischverzehr bei etwa 120 g für Frauen und 150 g für Männer liegt. So erscheinen die gewählten 1 00-g-Schritte als zu groß, wenn es darum geht, Konsequenzen eines realistischen Minder- oder Mehrverzehrs darzu- stellen. Man kann spekulieren, dass bei Schritten von beispielsweise 50 g pro Tag keine signifikanten Effekte ersichtlich geworden wären. Darüber hinaus erfüllen die meisten prospektinen Kohortenstudien nicht die Mindestansprüche in Bezug auf die Methodik der statistischen Auswertung: In den meisten Studien werden die Daten nur unzureichend hinsichtlich Co- und Störvariablen ausgewertet. Solche bekanntermaßen relevanten Variablen wie Body Mass Index oder körperliche Aktivität werden tatsächlich nur in einer von zwölf Studien in die Risikoberechnung einbezogen. Krebs ist ein multifaktorielles Geschehen. Man muss davon ausgehen, dass eine Vielzahl von Ernährungsfaktoren auf die Krebsentstehung Einfluss nehmen. Ob Fleischverzehr ein ursächlich wirkender Faktor ist oder nur ein Marker für einen oder mehrere andere noch unbekannte Einflussfaktoren, kann mit den vorliegenden Studien nicht beantwortet werden. Es ist aber davon auszugehen, dass die vorliegenden Ergebnisse massiv von nicht berücksichtigen Störvariablen wie z. B. Rauchen oder Übergewicht überlagert sind. Diese Annahme wird vor allem durch die Ergebnisse der Vegetarierstudien gestützt. Dass bei Vegetariern trotz gänzlichem Fleischverzicht die gleichen KRK-Raten zu beobachten sind wie bei Fleischessern, weist darauf hin, dass KRK von anderen Umwelt- bzw. Lebensstilfaktoren als vom Fleischverzehr entscheidend beeinflusst wird. Betrachtet man die bisherigen analytischen und epidemiologischen Studien zur Frage des Einflusses von Fleischkonsum auf das KRK-Risiko, so ergibt sich eine überaus uneinheitliche und extrem lückenhafte Datenlage. Damit lässt sich das KRK-Risiko durch Fleischkonsum nicht einmal annähernd verlässlich abschätzen. Noch weniger lassen sich umgekehrt die gesundheitlichen Auswirkungen abschätzen, die durch Einschränkung des Fleischkonsums entstehen. Die abgegebenen konkreten Empfehlungen, zur ..Vorbeugung" von KRK den Fleischverzehr einzuschränken — auf „höchstens 80 g pro Tag” oder ‚höchstens dreimal Fleisch pro Woche" -, basieren offensichtlich eher auf Überzeugungen, keinesfalls aber auf gesichertem Wissen. In den Staaten der westlichen Welt essen ca. 97 Prozent der Bevölkerung Fleisch, die meisten mit großer Vorliebe. Wenn Organisationen „offizielle” Ernährungsempfehlungen herausgeben, tragen sie eine besonders hohe Verantwortung und sollten sicherstellen können, dass die Umsetzung ihrer Empfehlungen auch mit eindeutigen gesundheitlichen Vorteilen einhergeht. so Dr. Worm.

aus: DER METZGERMEISTER 17/2006

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